
EU AI Act 2026: Was Vorarlberger Unternehmen jetzt tun müssen
EU AI Act ab 2026: Compliance-Leitfaden für KMU in Vorarlberg
Die digitale Landschaft in Europa verändert sich grundlegend. Mit dem "Artificial Intelligence Act" (EU AI Act) hat die Europäische Union das weltweit erste umfassende Gesetz zur Regulierung Künstlicher Intelligenz geschaffen. Für Vorarlberger Unternehmen, vom innovativen Start-up im Rheintal bis zum etablierten Maschinenbauer im Bregenzerwald, bedeutet dies: Die Uhr tickt.
Während das Jahr 2024 und 2025 noch als Übergangsphasen betrachtet werden können, markiert das Jahr 2026 den entscheidenden Wendepunkt. Ab August 2026 treten die zentralen Bestimmungen für die meisten KI-Systeme in Kraft. Compliance ist ab diesem Zeitpunkt eine harte rechtliche Anforderung, die über Marktzugang und Wettbewerbsfähigkeit entscheidet.
Dieser Leitfaden dient Geschäftsführern, IT-Leitern und Compliance-Verantwortlichen in Vorarlberg als Kompass durch den neuen Regulierungs-Dschungel. Wir klären auf, was genau auf Sie zukommt, warum ein KI Berater jetzt unverzichtbar wird und wie Sie Ihr Unternehmen rechtssicher aufstellen.
Was ist der EU AI Act?
Der EU AI Act ist das Ergebnis eines langen Gesetzgebungsprozesses, der darauf abzielt, die Nutzung und Bereitstellung von KI-Systemen in der EU zu regeln. Das Ziel der Verordnung ist es, das Funktionieren des Binnenmarktes zu verbessern, einen menschenzentrierten und vertrauenswürdigen Ansatz für KI zu fördern sowie ein hohes Schutzniveau gegen schädliche Auswirkungen von KI-Systemen zu gewährleisten.
Anders als die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), die sich auf personenbezogene Daten konzentriert, fokussiert der AI Act auf die Produktsicherheit und Grundrechte. Er kategorisiert KI-Systeme basierend auf dem Risiko, das sie darstellen.
Für Vorarlberger KMU ist es wichtig zu verstehen: Der AI Act betrifft nicht nur die Entwickler von KI (wie OpenAI oder Google), sondern auch die Anwender (Deployer). Wenn Sie also eine KI-Lösung für das Recruiting einsetzen oder eine intelligente Qualitätskontrolle in Ihrer Fertigungslinie nutzen, sind Sie direkt betroffen.
Zeitplan: Wann gilt was?
Die Umsetzung des AI Act erfolgt stufenweise. Es ist entscheidend, diese Fristen zu kennen, um nicht von den Anforderungen überrollt zu werden. Der endgültige Text wurde am 12. Juli 2024 veröffentlicht.
Hier sind die kritischen Meilensteine für Ihre Planung:
2. Februar 2025: Bereits sechs Monate nach Inkrafttreten greifen die ersten Verbote. Die Kapitel zu allgemeinen Bestimmungen und verbotenen KI-Praktiken werden wirksam. Unternehmen müssen sicherstellen, dass sie keine Systeme nutzen, die unter diese Verbote fallen (siehe nächster Abschnitt).
2. August 2025: Ein Jahr nach Inkrafttreten gelten die Regeln für General-Purpose AI (GPAI) Modelle sowie die Vorschriften für Governance und Sanktionen. Auch die Regeln für notifizierte Stellen greifen hier.
2. Februar 2026: Die Europäische Kommission wird Leitlinien bereitstellen, die die praktische Umsetzung der Klassifizierungsregeln für Hochrisiko-KI-Systeme spezifizieren. Dies ist für Unternehmen essenziell, um final zu bewerten, ob ihre Systeme als "hochriskant" gelten.
2. August 2026 – Der Stichtag: Dies ist das wichtigste Datum für die breite Wirtschaft. Der Großteil des AI Act wird anwendbar. Das bedeutet, dass die Pflichten für die meisten Hochrisiko-KI-Systeme (Annex III) vollständig greifen. Bis dahin müssen harmonisierte Standards veröffentlicht sein, um Konformität zu gewährleisten.
2. August 2027: Die Pflichten für bestimmte Hochrisiko-Systeme, die bereits als Produkte unter andere EU-Harmonisierungsrechtsvorschriften fallen (z.B. KI als Sicherheitskomponente in Maschinen, Aufzügen, Spielzeug – gelistet in Annex I), sowie die entsprechenden Klassifizierungsregeln, treten erst jetzt in Kraft. Damit ist der AI Act vollständig effektiv.
Fazit zum Zeitplan: Für die meisten Unternehmensanwendungen in den Bereichen HR, kritische Infrastruktur oder Bildung müssen Sie bis August 2026 "ready" sein.
Risikokategorien erklärt: Wo stehen Sie?
Der Kern des Gesetzes ist der risikobasierte Ansatz. Je höher das Risiko für die Grundrechte oder die Sicherheit des Menschen, desto strenger die Regeln.
1. Inakzeptables Risiko (Verboten)
Diese Praktiken sind ab Februar 2025 illegal.
Beispiele: Social Scoring durch Behörden, KI zur unterschwelligen Manipulation des Verhaltens, Emotionserkennung am Arbeitsplatz oder in Schulen, Echtzeit-Fernidentifizierung mittels Biometrie im öffentlichen Raum (mit engen Ausnahmen für Strafverfolgung).
Handlungsbedarf: Sofortige Prüfung, ob solche Systeme im Einsatz sind und Abschaltung.
2. Hohes Risiko (High-Risk)
Dies ist die Kategorie, die für viele Vorarlberger Unternehmen den größten Aufwand bedeutet. Hochrisiko-KI-Systeme sind erlaubt, unterliegen aber strengen Compliance-Pflichten.
Bereiche:
Kritische Infrastruktur (z.B. Verkehrssteuerung, Wasser/Energie).
Bildung und Berufsbildung (z.B. Zuweisung von Ausbildungsplätzen).
Beschäftigung und Personalmanagement (z.B. KI-Tools zum Sortieren von Lebensläufen).
Zugang zu privaten und öffentlichen Dienstleistungen (z.B. Kreditwürdigkeitsprüfung).
Sicherheitskomponenten in Produkten (z.B. Roboter-Chirurgie, KI in Fahrzeugen, Sicherheitsbauteile in Maschinen). Hier greift die Frist 2027.
3. Begrenztes Risiko (Transparenzpflichten)
Hier geht es primär darum, dass der Mensch weiß, dass er mit einer Maschine interagiert.
Beispiele: Chatbots im Kundenservice (sehr relevant für den Tourismus), Emotionserkennungssysteme (außerhalb der verbotenen Bereiche), Deepfakes.
Pflicht: Kennzeichnungspflicht. Der Nutzer muss informiert werden: "Sie sprechen mit einer KI."
4. Minimales oder kein Risiko
Der Großteil der KI-Anwendungen fällt hierunter.
Beispiele: Spam-Filter, KI-gestützte Videospiele, Lagerverwaltungs-Optimierung ohne Personenzug.
Regulierung: Keine spezifischen neuen Pflichten durch den AI Act. Freiwillige Verhaltenskodizes werden jedoch empfohlen.
Welche KI-Systeme sind für Vorarlberger KMU relevant?
Viele Unternehmer denken bei "Hochrisiko" an selbstfahrende Autos. Doch die Definition ist breiter. Lassen Sie uns das auf die Vorarlberger Wirtschaftsstruktur herunterbrechen:
Der Textilhersteller: Nutzt er eine KI-Software, um eingehende Bewerbungen automatisch vorzusortieren? -> Hochrisiko (HR). Hier gelten ab August 2026 volle Dokumentationspflichten.
Die Regionalbank: Setzt sie KI ein, um die Kreditwürdigkeit von Firmenkunden zu bewerten? -> Hochrisiko.
Der Maschinenbauer: Baut er eine KI-Komponente in eine Säge ein, die das Werkstück erkennt und bei Gefahr stoppt? -> Hochrisiko (Sicherheitskomponente). Hier ist das Zusammenspiel mit der Maschinenverordnung entscheidend (Frist 2027).
Das Hotel im Montafon: Nutzt einen Chatbot auf der Webseite für Buchungen. -> Begrenztes Risiko. Hier muss "nur" die Transparenz gewahrt werden ("Ich bin ein virtueller Assistent").
Die Marketing-Agentur: Nutzt ChatGPT (ein GPAI-Modell), um Texte zu generieren. -> Hier müssen die Urheberrechte und Transparenzvorgaben beachtet werden.
Pflichten für Unternehmen (Hochrisiko-Systeme)
Wenn Ihr System in die Hochrisiko-Kategorie fällt, müssen Sie bis August 2026 ein umfassendes Compliance-Framework etablieren. Dies ist vergleichbar mit einer ISO-Zertifizierung.
Zu den zentralen Pflichten gehören:
Risikomanagement-System: Ein fortlaufender Prozess zur Identifizierung und Minderung von Risiken während des gesamten Lebenszyklus der KI.
Daten-Governance: Sicherstellung, dass Trainings-, Validierungs- und Testdaten relevant, repräsentativ und fehlerfrei sind, um Verzerrungen (Bias) zu vermeiden.
Technische Dokumentation: Erstellung detaillierter Unterlagen (Annex IV), die beweisen, dass das System konform ist.
Aufzeichnungspflichten (Logging): Das System muss Ereignisse automatisch protokollieren, um die Rückverfolgbarkeit zu gewährleisten.
Transparenz und Informationen für Nutzer: Beipackzettel für die KI – Anleitungen, die Systemgrenzen und Zweck klar definieren.
Menschliche Aufsicht (Human Oversight): Es muss technisch und organisatorisch sichergestellt sein, dass Menschen das System überwachen und notfalls stoppen können ("Kill Switch").
Genauigkeit, Robustheit und Cybersicherheit: Das System muss gegen Angriffe (z.B. Data Poisoning) gehärtet sein.
Für Anbieter von GPAI-Modellen (wie LLMs) gelten gesonderte Anforderungen an die technische Dokumentation und Transparenz.
Konkrete Schritte zur Compliance: Ihr Fahrplan
Warten Sie nicht bis 2026. KI-Projekte haben oft lange Vorlaufzeiten.
Wer jetzt nicht die Weichen stellt, muss Systeme im schlimmsten Fall abschalten.
Schritt 1: Bestandsaufnahme (AI Inventory)
Erstellen Sie eine Liste aller Software-Systeme im Unternehmen, die KI-Komponenten enthalten könnten. Fragen Sie auch bei Ihren Software-Lieferanten nach ("Enthält das Update 4.0 KI-Funktionen?").
Schritt 2: Klassifizierung
Ordnen Sie jedes System einer der vier Risikokategorien zu. Nutzen Sie hierfür Annex III des AI Act oder konsultieren Sie einen KI Berater.
Schritt 3: Gap-Analyse
Vergleichen Sie den Ist-Zustand Ihrer Hochrisiko-Systeme mit den Anforderungen (Datenqualität, Doku, Aufsicht). Wo fehlen Prozesse?
Schritt 4: Governance-Struktur aufbauen
Klären Sie Verantwortlichkeiten. Wer ist im Unternehmen der "AI Officer"? Wer überwacht die Einhaltung? Integrieren Sie KI-Richtlinien in Ihr bestehendes QM-System oder Compliance-Management.
Schritt 5: Mitarbeiterschulung
Der AI Act fordert "AI Literacy" (KI-Kompetenz) für das Personal, das KI bedient. Schulen Sie Ihre Teams nicht nur technisch, sondern auch in den rechtlichen Rahmenbedingungen.
Strafen bei Nichteinhaltung
Der Gesetzgeber meint es ernst. Die Sanktionen sind geregelt und können drakonisch ausfallen.
Die Strafen sind gestaffelt und richten sich nach der Schwere des Verstoßes und der Größe des Unternehmens. Obwohl die genauen Prozentsätze oft diskutiert werden, ist klar: Bei Verstößen gegen verbotene KI-Praktiken drohen die höchsten Strafen (bis zu 35 Mio. Euro oder 7% des weltweiten Jahresumsatzes). Für Verstöße gegen Pflichten bei Hochrisiko-KI-Systemen liegen die Bußgelder ebenfalls im Millionenbereich oder bei einem Prozentsatz des Umsatzes. Auch für Anbieter von GPAI-Modellen sind Geldstrafen vorgesehen.
Für ein mittelständisches Unternehmen in Vorarlberg kann eine solche Strafe existenzbedrohend sein.
Compliance-Checkliste für KMU
Nutzen Sie diese kurze Checkliste, um Ihren Status zu prüfen:
[ ] Inventory: Habe ich eine Liste aller eingesetzten KI-Systeme?
[ ] Check Verbot: Nutze ich z. B. Emotionserkennung oder ähnliche Systeme am Arbeitsplatz? -> Wenn ja, sofort stoppen.
[ ] Check Hochrisiko: Setze ich KI im HR, in der kritischen Infrastruktur oder Kreditwürdigkeitsprüfung ein?
[ ] Lieferanten: Habe ich von meinen Software-Anbietern Bestätigungen, dass sie AI-Act-konform arbeiten?
[ ] Transparenz: Sind meine Chatbots/KIs als solche gekennzeichnet?
[ ] Daten: Weiß ich, mit welchen Daten meine KI trainiert wurde? Sind diese datenschutzkonform?
[ ] Menschliche Aufsicht: Gibt es einen definierten Prozess, wie ein Mensch bei Fehlern der KI eingreift?
[ ] Protokollierung: Werden die Entscheidungen der KI automatisch geloggt?
Wie ein KI-Berater hilft
Der AI Act ist ein komplexes juristisch-technisches Regelwerk. Viele KMU haben weder die juristische Abteilung noch die spezialisierten Data Scientists, um diese Anforderungen allein zu stemmen.
Ein externer KI Experte oder Berater bietet hier entscheidende Vorteile:
Neutrale Einordnung: Er hilft bei der oft schwierigen Grauzonen-Entscheidung: Ist mein System "hochriskant" oder nicht?
Technische Übersetzung: Er übersetzt die juristischen Anforderungen ("Genauigkeit", "Robustheit") in technische Metriken für Ihre IT-Abteilung.
Vorbereitung auf harmonisierte Normen: Da die Standards oft erst knapp vor Fristende fertig werden, hilft ein Experte, sich an Best Practices (wie ISO 42001) zu orientieren, die vermutlich die Basis bilden werden.
Effizienz: Durch vorgefertigte Templates für die technische Dokumentation sparen Sie Wochen an Arbeit.
Fazit: Vorsprung durch Compliance
Der EU AI Act wird oft als Innovationsbremse kritisiert, doch er bietet auch eine Chance. Ein "Made in Europe"-Siegel für vertrauenswürdige KI kann zum Wettbewerbsvorteil werden – gerade für die qualitätsbewusste Vorarlberger Industrie. Kunden werden künftig gezielt nach sicheren und konformen Lösungen fragen.
Wer sich jetzt vorbereitet, vermeidet nicht nur Strafen, sondern baut robustere, bessere und transparentere Prozesse auf. Bis August 2026 ist noch Zeit – aber nicht genug, um das Thema auf die lange Bank zu schieben.
EU AI Act Compliance-Check
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